Theoretischer Beitrag · Version 4.9
Architektur der menschlichen Kognition: Ein rekursives Domänen-Achsen-Modell auf der Grundlage eines Strukturierten Realismus
- 1 Unabhängige Forschung, e-ducation.datapeak.net
- 2 KI-Sprachmodell, entwickelt von OpenAI
- 3 KI-Sprachmodell, entwickelt von Anthropic
OpenAI und Anthropic waren an dieser Arbeit nicht beteiligt (siehe Hinweis zur KI-Beteiligung).
* Korrespondenz: Sebastian Bohnen, sebastian@bohnen.ms
Erstveröffentlichung: 4. Oktober 2026 · Version 4.9: 13. Oktober 2026
Abstract
Kognitionsmodelle beschreiben den Geist häufig als lineare Abfolge von Wahrnehmung, Verarbeitung und Handlung. Wir schlagen ein integratives Rahmenmodell vor, das die kantischen Erkenntnisvermögen Verstand, Urteilskraft und Vernunft mit Freuds Topik des Unbewussten und mit Befunden der Neurowissenschaft verbindet. Das Modell unterscheidet neun funktional definierte Domänen, die ein rekursives Kognitives Feld bilden: das, was der Geist tut. Sieben modulierende Achsen beschreiben, wie er es jeweils tut. Unter dem Feld liegen Triebe als Quellen des Antriebs und der verkörperte Organismus als sein Träger. Bewusstsein zerlegen wir in vier Aspekte: Wachheit ist ein Zustand des verkörperten Trägers, Zugang eine Achse, Selbstbewusstsein eine Kopplung, und das Erleben selbst bleibt das harte Problem. Die Achse Modalität erfasst den Status, den ein System einem Inhalt zuschreibt – bloß möglich, wirklich oder gewiss; Halluzination, Traum und die Konfabulation von KI-Systemen erscheinen damit als derselbe Typ von Fehlzuschreibung, bei dem intern Erzeugtes den Status des Wirklichen erhält. Wir wenden das Modell auf Fälle aus Ethik, Psychiatrie, Bewusstseinsforschung und Neurologie an, vergleichen Arten von der Koralle bis zum Menschen in vier Entwicklungsdimensionen und formulieren sechs prüfbare Vorhersagen samt konkurrierender Erklärung und Widerlegungsbedingung. Ein eigener Abschnitt behandelt die stärksten Einwände, darunter den kantischen Zirkel, die Interface-Theorie, die sich selbst untergräbt, und die Simulationshypothese, die den Realismus nicht aufhebt, sondern voraussetzt. Ontologisch beruht das Modell auf einem Strukturierten Realismus: Die Welt existiert unabhängig vom Erkennenden, der Geist strukturiert den Zugang zu ihr, und seine Strukturen sind evolutionär an ihr geformt.
Schlüsselwörter: kognitive Architektur, Strukturierter Realismus, Kant, Predictive Processing, Bewusstsein, Läsionsbefunde, vergleichende Kognition, künstliche Intelligenz
1 Einleitung
Die Vorstellung, Erkenntnis verlaufe in Stufen, ist alt. Kant formuliert sie in der Kritik der reinen Vernunft so: „Alle unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da zum Verstande, und endigt bei der Vernunft“ (B 355) [95]. Die Kognitionspsychologie des 20. Jahrhunderts übernahm diese Ordnung in Stufen- und Filtermodelle der Informationsverarbeitung [27]; Hurley hat das zugrunde liegende Muster als „klassisches Sandwich“ aus Wahrnehmung, Denken und Handeln beschrieben [86].
Gegen dieses Bild gibt es eine ebenso alte Gegentradition. Dewey argumentierte bereits 1896, dass Reiz und Reaktion keinen Bogen bilden, sondern einen Kreis, in dem die Handlung bestimmt, was überhaupt als Reiz zählt [52]. Von Uexküll beschrieb das Verhältnis von Organismus und Umwelt als „Funktionskreis“ aus Merkwelt und Wirkwelt [156]. Heute gibt die Theorie des Predictive Processing dieser Gegentradition eine formale Gestalt: Das Gehirn empfängt Signale nicht nur, es sagt sie voraus und verarbeitet vor allem die Abweichungen [41, 68].
Was bislang fehlt, ist ein Rahmen, der die begrifflich reiche Vermögenslehre der klassischen Philosophie mit diesem rekursiven Bild verbindet und dabei eine ausdrückliche ontologische Position bezieht. Der vorliegende Beitrag schlägt einen solchen Rahmen vor (Abb. 1, oben). Wir trennen dabei, worüber eine Aussage spricht, und unterscheiden, was sie leistet: Sie kann ein Phänomen beschreiben, indem sie ihm einen Ort im Modell gibt, es erklären, indem sie einen Mechanismus angibt, oder etwas vorhersagen, das unabhängig prüfbar ist. Ein Modell, das nur beschreibt, kann alles einordnen und ist deshalb wenig wert.
2 Ontologische Grundlage: Strukturierter Realismus
Das Modell beruht auf drei Thesen. Erstens existiert die äußere Welt unabhängig von unseren Beobachtungen. Zweitens strukturiert, filtert und interpretiert der Geist die Wirklichkeit, ohne sie hervorzubringen. Drittens sind die Strukturen des Erkennens selbst evolutionär an der Welt geformt; sie passen deshalb zu ihr, ohne sie vollständig abzubilden. Die dritte These knüpft an Lorenz an, der Kants apriorische Anschauungsformen als stammesgeschichtlich erworbene Anpassungen deutete [112], und an die evolutionäre Erkenntnistheorie Vollmers [158].
Daraus ergeben sich zwei Kriterien. Das Begrenzungskriterium lautet: Real ist, was uns unabhängig von unserem Erleben begrenzt – eine Wand, gegen die man läuft, ein Experiment, das anders ausgeht als erwartet, ein Programmtest, der fehlschlägt. Das Invarianzkriterium lautet: Was über verschiedene Erkenntnissysteme hinweg gleich bleibt, gehört zur Welt; was sich zwischen ihnen unterscheidet, gehört zum System. Ein umstürzender Baum erzeugt eine Druckwelle, die ein Dinosaurier, ein früher Säuger und ein Vogel mit ganz verschieden gebauten Ohren zur selben Zeit am selben Ort registrieren. Der gehörte Klang ist in jedem dieser Systeme ein anderer; die Druckwelle, ihr Ort und ihr Zeitpunkt sind es nicht. Der gehörte Klang ist ein Quale – die erlebte Qualität, die zum hörenden System gehört; die Druckwelle gehört zur Welt. Das Invarianzkriterium leugnet Qualia also nicht, es ordnet sie dem System zu. Die Unterscheidung hat einen Vorläufer in Lockes primären und sekundären Qualitäten: Ausdehnung, Gestalt und Bewegung gehören dem Ding, Farbe, Klang und Wärme entstehen im Wahrnehmenden [111]. Das Invarianzkriterium macht aus dieser Liste einen Test: Primär ist, was über verschieden gebaute Systeme hinweg gleich bleibt. Nozick hat Objektivität in diesem Sinn als Invarianz unter Transformationen bestimmt [129]. Invarianz zählt nur über verschieden gebaute Systeme hinweg. Stimmen gleich gebaute Gehirne unter gleichen Bedingungen überein – etwa wenn viele Menschen unter DMT ähnliche Wesenheiten berichten (Abschnitt 5.3) –, zeigt die Übereinstimmung ihre gemeinsame Architektur, nicht die Welt.
Verhältnis zu Kant. Wir übernehmen Kants Vermögenslehre und lesen sie realistisch. Kant selbst bezeichnete seine Position als empirischen Realismus (KrV A 370) [95], und neuere Deutungen verstehen die Unerkennbarkeit der Dinge an sich so, dass uns nur ihre relationalen Eigenschaften zugänglich sind [105]. Wir gehen einen Schritt weiter: Weil die Erkenntnisstrukturen an der Welt geformt sind, halten wir die Dinge an sich für perspektivisch erkennbar. Kants Einsicht, dass Erkenntnis immer schon strukturiert ist, bleibt der Ausgangspunkt des Modells.
Übereinstimmung über Traditionen hinweg. Das Invarianzkriterium lässt sich auch auf Theorien des Geistes anwenden. Traditionen, die sich unabhängig von Kant entwickelt haben, kamen zu ähnlichen Grundunterscheidungen. In der indonesischen Bildungsphilosophie entspricht Ki Hajar Dewantaras Dreiheit aus cipta, rasa und karsa – Denken, Fühlen, Wollen – Kants drei Vermögen des Gemüts (Erkenntnisvermögen, Gefühl der Lust und Unlust, Begehrungsvermögen) [97] und unseren Domänen Verstand, Emotionen und Wille [51]. Der Yogācāra-Buddhismus beschreibt eine geschichtete Architektur mit einem „Speicherbewusstsein“ (ālaya-vijñāna), in dem Eindrücke als „Samen“ unbewusst fortwirken, und einem Bewusstsein (manas), das beständig an einem Ich festhält [114]. Wang Yangmings „Einheit von Wissen und Handeln“ (16. Jahrhundert) nimmt den Einwand gegen das lineare Sandwich vorweg [161]. Solche Übereinstimmung ist kein Beweis. Da die Traditionen dieselbe menschliche Architektur beschreiben, spricht ihre Übereinstimmung für Unterscheidungen, die dieser Architektur folgen – und genau das beansprucht das Modell zu beschreiben.
Abgrenzungen. Erkenntnistheoretisch ist der Strukturierte Realismus eine Form des indirekten Realismus: Wir erkennen die Welt über innere Modelle, nicht unmittelbar. Vom naiven Realismus, der die Welt für so hält, wie sie erscheint, unterscheidet er sich genau darin, vom Konstruktivismus darin, dass diese Modelle an der Welt geprüft und von ihr begrenzt werden. Gegenüber dem Idealismus bestreitet der Strukturierte Realismus, dass Realität nur im Geist existiert, gegenüber dem radikalen Konstruktivismus, dass die Welt bloß eine Konstruktion des Erkennenden ist. Interface-Theorie und Simulationshypothese behandelt Abschnitt 9.2. Vom Strukturenrealismus der Wissenschaftstheorie [165] unterscheidet er sich trotz der Namensnähe: Bei uns sitzt die Struktur nicht nur in Welt und Theorie, sondern auch im erkennenden Subjekt, und die Welt bleibt eine Welt mit Dingen. Eine Brücke besteht zu Russells These, dass Wahrnehmung vor allem Relationen der Außenwelt vermittelt [141].
Ort im Spektrum. Ordnet man die Positionen der Erkenntnistheorie danach, ob sie Geist oder Materie für grundlegend halten, reicht die Spanne von Berkeleys Immaterialismus [14] und Hegels absolutem Idealismus [79] bis zum eliminativen Materialismus, der Begriffe wie Meinung und Wunsch abschaffen will [40]. Der Strukturierte Realismus liegt jenseits der Mitte, auf der realistischen Seite: Die Welt existiert unabhängig vom Geist, aber das Erleben wird nicht wegerklärt, sondern als offenes Problem anerkannt (Abschnitt 8). Seine nächsten Nachbarn sind die evolutionäre Erkenntnistheorie von Lorenz und Vollmer [112, 158] und Poppers kritischer Rationalismus [134]; mit Kant teilt er die Frage, mit Lorenz die Antwort.
3 Vorgehen
Der Beitrag ist theoretisch. Das Modell wurde in mehreren Iterationen entwickelt, beginnend mit einer frei gestalteten Grafik. Jede Iteration wurde auf Widerspruchsfreiheit geprüft; das zentrale Kriterium lautet, dass jedes Element genau einen Ort im Modell haben muss. Doppelte Platzierungen wurden aufgelöst, etwa Emotionen, die zugleich als Domäne und als modulierende Dimension auftraten. Aussagen des Modells liegen auf drei Ebenen:
| Ebene | Gegenstand | Abschnitt |
|---|---|---|
| Ontologie | Welt, Organismus, Verhältnis von Geist und Welt | 2, 8, 9 |
| Architektur | Domänen, Achsen, Schichten, Kopplungen, Kreis mit der Welt | 4 |
| Phänomene | Konfigurationen der Architektur: Gewissen, Traum, Läsionen, Arten, KI | 5, 6 |
Zwei Regeln verbinden die Ebenen. Ein Phänomen darf keine neuen Bausteine der Architektur erzwingen: Ist ein Fall nur mit einem zusätzlichen Baustein beschreibbar, spricht das gegen die Architektur. Und die Architektur entscheidet keine ontologischen Fragen: Ob ein im DMT-Zustand erlebter Raum unabhängig existiert, ist eine Frage an die Kriterien aus Abschnitt 2. Abbildung 1 wird aus einer einzigen Datenquelle erzeugt, die alle Domänen, Achsen und Verbindungen enthält; Grafik und Text können dadurch nicht auseinanderlaufen.
4 Das Modell
4.1 Domänen
Das Kognitive Feld besteht aus neun Domänen. Wahrnehmung bildet die Schnittstelle zur Welt und zum eigenen Körper (Exterozeption, Interozeption, sensorische Integration). Gedächtnis speichert und ruft ab. Verstand arbeitet mit Sprache, Logik und Begriffen. Urteilskraft wendet Wissen auf den Fall an: Sie wählt aus, was hier passt, und verbindet Fälle über ihre Beziehungen. Vernunft reflektiert die eigenen Prozesse (Metakognition) und bildet Weltbilder, ethische Prinzipien und Sinn. Prospektion simuliert Mögliches. Soziale Kognition modelliert andere und ihre mentalen Zustände. Emotionen bewerten affektiv und motivieren. Wille entscheidet, setzt Ziele und übt Selbstkontrolle. Was das Feld überhaupt in Gang setzt, sind die Triebe; sie bilden keine Domäne, sondern eine eigene Schicht darunter (4.9).
Der Kern ist kantisch. Prospektion verstehen wir als moderne Fassung der produktiven Einbildungskraft; Erinnern und Vorstellen nutzen weitgehend dieselben Systeme [78, 142]. Soziale Kognition erhält eine eigene Domäne, weil das Modellieren fremder Geisteszustände ein eigenständiges, früh entwickeltes und gezielt störbares Vermögen ist [7]. Empathie ist auf zwei Domänen verteilt: Affektive Empathie gehört zu den Emotionen, kognitive zur Sozialen Kognition [19].
Dissoziationen im kantischen Kern. Kritiker wenden ein, Verstand, Urteilskraft und Vernunft fehlten die klaren Läsionsprofile des Gedächtnisses. Es gibt dennoch Belege. Nach Läsionen des vorderen präfrontalen Kortex bleibt die Leistung bei Wahrnehmungsentscheidungen erhalten, während die Treffsicherheit beim Beurteilen der eigenen Leistung – Metakognition, eine Tätigkeit der Vernunft – gestört ist [64]. Nach Schädigung des ventromedialen präfrontalen Kortex bleiben Intelligenz und Regelwissen erhalten, während sich praktisches und moralisches Urteilen verändert [9, 101]. Wir lesen das als Beleg für die Kopplung von Emotionen und Urteilskraft: Ohne die emotionalen Signale verliert das Urteil seine Gewichtung, nicht sein Wissen. Auch Prospektion fällt nicht einfach mit dem Gedächtnis zusammen: Bei semantischer Demenz ist das Vorstellen der Zukunft gestört, während das Erinnern der Vergangenheit relativ erhalten bleibt [87]. Nicht jede Domäne ist allerdings gleich einheitlich. Das Gedächtnis enthält mehrere dissoziierbare Teilsysteme – episodisch, semantisch, prozedural, Arbeitsgedächtnis. Wir behandeln eine Domäne als die Ebene, auf der Systeme dissoziieren, und die Teilsysteme als die Ebene darunter.
Am engsten verwandt sind Verstand und Urteilskraft. Die Urteilskraft wendet Wissen auf den Fall an, in zwei Teilfunktionen: Sie wählt aus vorhandenem Wissen das hier Passende aus und unterdrückt Unpassendes, und sie verbindet Fälle über ihre Beziehungen (Analogie). Beides lässt sich vom Wissen selbst trennen. Nach Schlaganfall-Aphasie ist Begriffswissen erhalten, lässt sich aber nicht passend einsetzen; bei semantischer Demenz ist es selbst zerfallen [88]. Präfrontale Läsionen stören das Verbinden von Relationen bei erhaltenem Wissen, anterior-temporale das Wissen bei erhaltenem Verbinden [160]. Auswahl und Integration nutzen trennbare präfrontale Systeme [31] und ein eigenes, nicht nur sprachliches semantisches Kontrollnetz [128]. Kants Unterscheidung trifft diese Teilfunktionen bemerkenswert genau: Der Verstand ist das Vermögen der Regeln, die Urteilskraft das Vermögen, unter Regeln zu subsumieren (KrV A 132/B 171) [95] – bestimmend, wenn die Regel gegeben ist, reflektierend, wenn sie erst gesucht wird [97]. Offen ist die Grenze zur Vernunft: Das Verbinden von Relationen stützt sich wie die Metakognition auf den vorderen Stirnhirnpol. Weil Wissen ohne Anwendung leer bliebe, sind Verstand und Urteilskraft direkt gekoppelt. Direkt, im Diagramm gestrichelt, sind auch Wahrnehmung und Emotionen gekoppelt, weil Sinnes- und Körpersignale schnell und überwiegend vorbewusst bewertet werden [108]. Eine direkte Kopplung von Wahrnehmung und Urteilskraft führen wir nicht ein, auch nicht für Kants reflektierende Urteilskraft, die zum gegebenen Besonderen das Allgemeine sucht [97]: Kant selbst führt sie über Einbildungskraft und Verstand, und Läsionsbefunde zeigen, dass das Einordnen ausfällt, wenn der Weg über Gedächtnis und Verstand unterbrochen ist (Abschnitt 5.7). Insgesamt enthält das Feld neunzehn Kopplungen.
Sprache. Sprache durchzieht fast alle Domänen: Man erinnert, plant und urteilt sprachlich. Wir behandeln sie als Medium, das im Verstand verankert ist – deshalb nennt Abbildung 1 sie dort – und, als Sprechen, in der Handlung. Ihre bekanntesten Korrelate sind das Broca-Areal im linken unteren Stirnhirn, dessen Schädigung Sprachproduktion und Grammatik beeinträchtigt [28], und das Wernicke-Areal im linken hinteren Schläfenlappen, dessen Schädigung das Verstehen beeinträchtigt [163]; heute versteht man beide als Teile eines weiter gefassten linkshemisphärischen Sprachnetzes [59]. Ehrlicherweise spricht ein Befund dagegen, Sprache dem Verstand zuzuordnen: Bei Aphasien fällt Sprache aus, während Denken und Planen teilweise erhalten bleiben [59]. Ob Sprache eine zehnte Domäne verdient, bleibt deshalb offen (Abschnitt 10).
Verkörperung. Das Kognitive Feld ist immer in einem Organismus verkörpert, beim Menschen vor allem im Gehirn. Der Körper ist deshalb keine eigene Schicht des Feldes, sondern sein Träger. In Abbildung 1 erscheint er als Band unter dem Feld – als das, was das Feld trägt, nicht als weitere Schicht – und zusätzlich an drei Stellen: in der Wahrnehmung als Interozeption, im Unbewussten als körperliche Prozesse und in der Motorik. Die Zustände des Trägers – Wachheit, Erregung, homöostatischer Bedarf – wirken auf alle Domänen zugleich. Lurias aus Läsionsbefunden abgeleitete Gliederung des Gehirns in drei Funktionseinheiten hat dieselbe Struktur: eine Einheit für Tonus und Wachheit, eine für Aufnehmen und Speichern von Information und eine für Programmieren und Kontrollieren der Tätigkeit [113]. Die Domänen sind funktional definiert; die Netzwerk-Korrelate in Abbildung 1 [166] sind Korrelate, keine Lokalisierungen.
4.2 Modulierende Achsen
Domänen beschreiben, was der Geist tut. Die Achsen beschreiben, wie er es jeweils tut. Jede Domäne kann bewusst oder unbewusst arbeiten, automatisch oder kontrolliert, auf Vergangenes oder Künftiges gerichtet. Emotionen sind deshalb eine Domäne, Valenz dagegen eine Achse: eine Tönung, die jeder Inhalt haben kann. Wir schlagen sieben Achsen vor: Bewusster Zugang (unbewusst – vorbewusst – bewusst), Kontrolle (automatisch – kontrolliert – reflektiert), Zeitbezug (Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft), Perspektive (ich – andere – Gruppe), Valenz (negativ – neutral – positiv), Modalität (möglich – wirklich – gewiss) und Urheberschaft (selbst – fremd – niemand). Für jede Achse gibt es etablierte Messverfahren, etwa Konfidenzurteile, Interferenzaufgaben, Gedankenstichproben, das Ego-Dissolution-Inventar, den PANAS und Reality-Monitoring-Aufgaben [63, 91, 145]. Die sieben Achsen sind ein Vorschlag, keine vollständige Liste wie Kants Kategorientafel.
Funktionen und Kategorien. Domänen und Achsen unterscheiden sich in ihrer Art. Domänen sind Funktionen mit neuronalen Korrelaten; sie lassen sich durch Läsionen voneinander trennen (Abschnitt 5.7). Achsen sind Kategorien, unter denen jede Funktion arbeitet, in loser Anlehnung an Kants Anschauungsformen und Kategorien: Der Zeitbezug ist an die Anschauungsform der Zeit angelehnt, die Modalität mit ihren Polen möglich, wirklich und gewiss an Kants Modalitätskategorien Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit, die Urheberschaft an seine Kategorie der Kausalität unter den Kategorien der Relation. Die Analogie dient der Orientierung, sie ist keine Gleichsetzung: Kants Formen machen Erfahrung überhaupt erst möglich, unsere Achsen beschreiben, wie bereits geformte Inhalte verarbeitet werden. Einer Achse entspricht kein Hirnareal mit eigenem Inhalt; ihre jeweiligen Werte werden durch diffus wirkende Modulationssysteme und einige Knotenpunkte eingestellt (Abschnitt 4.8). Der Unterschied zeigt sich daran, was eine Störung trifft. Eine Läsion einer Domäne trifft bevorzugt eine Art von Inhalt oder Berechnung – etwa das Erkennen von Gegenständen. Eine Verschiebung auf einer Achse verändert denselben Parameter in vielen Domänen zugleich, ob Schlaf, Rausch, Stress oder eine Läsion sie auslöst. Gegen eine Inflation von Achsen setzen wir einen Test: Für jede Achse muss es mindestens einen Zustand geben, der sie unabhängig von allen anderen Achsen verschiebt. Die Achsen selbst sind allen kognitiven Systemen gemeinsam; ihre Spannweite ist evolutionär gewachsen (Abschnitt 6). Das Kriterium zeigt auch, wo die Liste unsicher ist: Kontrolle steht einem Verarbeitungsmodus nahe, Valenz den Emotionen; weitere Kandidaten bespricht Abschnitt 10. Der Wille ist die Domäne, die Werte auf der Kontrollachse setzt, so wie das Vorbewusste als Torwächter den Zugang regelt: Mechanismus und Wert bleiben getrennt. In Abbildung 1 erscheinen sechs Achsen als Regler; der bewusste Zugang erscheint als Tiefe des Feldes (Abschnitt 4.3).
Modalität. Diese Achse entspricht der Realitäts- und Quellenüberwachung der Gedächtnisforschung [91, 92] und, in Kants Begriffen, der Modalität. Sie erfasst den Status, den das System einem Inhalt zuschreibt: bloß möglich (vorgestellt, geplant, fiktiv), wirklich oder zweifelsfrei gewiss. Woher ein Inhalt tatsächlich stammt – aus Wahrnehmung, Gedächtnis oder Vorstellung –, ist eine Tatsache über Welt und System; sie lässt sich nur von außen feststellen, über die Kriterien aus Abschnitt 2, und ist kein Wert auf der Achse. Damit wird ein ganzer Typ von Phänomenen als Lücke zwischen tatsächlicher Herkunft und zugeschriebenem Status beschreibbar. Bei Halluzination, Traum und DMT-Zustand erhält intern Erzeugtes den Status des Wirklichen, im Wahn sogar des Gewissen. Bei der Konfabulation von KI-Sprachmodellen wird Erzeugtes als Tatsache ausgegeben. Bei der Kryptomnesie hält man eine fremde Idee für die eigene Erfindung [29]. Beim Anton-Syndrom bestreiten kortikal Blinde ihre Blindheit und beschreiben, was sie angeblich sehen [2]. Den Unabhängigkeitstest besteht die Achse beim Charles-Bonnet-Syndrom: Menschen mit schwerem Sehverlust sehen lebhafte, detailreiche Bilder, wissen aber meist, dass sie nicht wirklich sind [152]; die Bilder entstehen in der Sehrinde wie beim Sehen [60]. Der Wahrnehmungsinhalt ist voll vorhanden, der zugeschriebene Status bleibt „nicht wirklich“ – das Gegenstück zur Halluzination in der Psychose. Die Modalität variiert also unabhängig von der Wahrnehmung. Den Status „bloß möglich“ kann man auch absichtlich setzen, etwa im Als-ob-Spiel von Kindern oder beim Lesen von Fiktion [109]. Frühere Fassungen nannten diese Achse „Informationsquelle“ (extern – intern – imaginär); drei externe Gutachten zeigten, dass dies Herkunft und Status vermischte. Wir benennen sie jetzt nach Kants Modalitätskategorien. Wer Urheber eines Inhalts ist, ist eine eigene Frage, die die nächste Achse erfasst.
Urheberschaft. Diese Achse erfasst, wen das System für den Urheber eines Gedankens, einer Handlung oder eines Ereignisses hält: sich selbst, einen anderen Akteur oder niemanden – Zufall oder Mechanismus. Sie entspricht dem Gefühl der Urheberschaft (sense of agency) [76] und, in Kants Begriffen, der Kausalität. Den Unabhängigkeitstest besteht sie: Beim Alien-Hand-Syndrom wird eine Bewegung als nicht die eigene erlebt, während Ich-Gefühl und Perspektive erhalten bleiben [73]; bei der Gedankeneingebung werden eigene Gedanken einem anderen Akteur zugeschrieben [69]; in der Besessenheitstrance werden Worte und Handlungen einem Geist zugeschrieben. In umgekehrter Richtung schreibt Soziale Kognition Ereignisse Akteuren zu, wo keine sind – das „Da ist jemand“ des DMT-Zustands (Abschnitt 5.3). Urheberschaft ist mit der Perspektive verwandt, aber nicht mit ihr identisch: Die Perspektive fragt, von wessen Standpunkt aus etwas erlebt wird, die Urheberschaft, wer es bewirkt hat.
Mehrere Kandidaten früherer Fassungen sind keine Achsen: Metakognition ist eine Tätigkeit der Vernunft, Aufmerksamkeit ein Selektionsmechanismus des Vorbewussten; Motivation entsteht aus den Trieben und wird von den Emotionen bewertet (4.9). Auch Annäherung gegen Vermeidung ist keine Achse, sondern die Motivationsrichtung bei den Emotionen. Sie lässt sich zwar von der Valenz trennen – Ärger ist negativ und treibt doch zur Annäherung [35] –, verschiebt aber belegbar nur Emotionen und Wille; Befunde, nach denen sie auch Aufmerksamkeit und frontale Hirnaktivität ordnet, haben sich in großen Stichproben nicht bestätigt [131]. Wachheit ist kein Wert, den jede Domäne einzeln annimmt, sondern ein Zustand des ganzen Organismus (Abschnitt 4.3). Dasselbe gilt für Erregung (Arousal): Als abgestufte Wachheit wirkt sie auf alle Domänen zugleich und in dieselbe Richtung und ist deshalb ein Zustand des Trägers, keine Achse, auf der jede Domäne einen eigenen Wert hat. Zum Träger gehört auch die Allostase, die Anpassung des Organismus an Belastung; ihr Preis bei Dauerbelastung ist die allostatische Last [118, 149]. In Abbildung 1 erscheinen diese Zustände des Trägers im untersten Band.
4.3 Bewusstsein in vier Aspekten
„Bewusstsein“ bezeichnet mehrere Dinge, und viele Missverständnisse entstehen, weil sie vermischt werden [22]. Das Modell gibt jedem Aspekt einen eigenen Ort:
| Aspekt | Frage | Ort im Modell |
|---|---|---|
| Wachheit | Ist das System überhaupt ansprechbar? | Zustand des verkörperten Trägers |
| Zugang | Ist ein Inhalt für Bericht, Denken und Handeln verfügbar? | Achse Bewusster Zugang; Tiefe im Feld |
| Selbstbewusstsein | Erlebt sich das System als Ich, und kann es sich selbst zum Gegenstand machen? | Kopplung: Perspektive (Ich-Pol) und Vernunft |
| Erleben | Warum fühlt sich all das überhaupt nach etwas an? | nicht in der Architektur; das harte Problem (Abschnitt 8) |
Sprachen bestätigen diese Aufteilung von zwei Seiten. Das Indonesische hat ein Wort, sadar, für wach sein, sich einer Sache bewusst sein und etwas erkennen – die Aspekte verschwimmen leicht. Das Chinesische trennt sie lexikalisch: 清醒 (qīngxǐng, wach), 意识到 (yìshí dào, sich bewusst werden), 自觉 (zìjué, selbstbewusst) – sie lassen sich auseinanderhalten.
Dass Wachheit und Zugang verschieden sind, zeigen zwei Dissoziationen: Im Syndrom reaktionsloser Wachheit wechseln Schlaf und Wachen ohne nachweisbaren Zugang [106], im Traum sind bei geringer Wachheit gegenüber der Welt Inhalte bewusst zugänglich. Zugang wird in Abbildung 1 als Tiefe dargestellt: Unter den Domänen liegt das Vorbewusste als Torwächter, darunter das Unbewusste, das alle Domänen durchdringt. Das übernimmt Freuds topisches Modell [67], deutet es aber als Grad und nicht als Ort, und entspricht der Zugangsfunktion, die Theorien des globalen Arbeitsraums beschreiben [5, 49].
4.4 Das Vorbewusste als Torwächter
Neurowissenschaftlich entspricht dem Vorbewussten am ehesten das Salienznetzwerk aus vorderer Insula und dorsalem vorderem cingulärem Kortex [144]. Es erkennt, welche Ereignisse gerade relevant sind, schaltet zwischen dem nach innen gerichteten Default-Mode-Netz und dem nach außen gerichteten Kontrollnetz um [121] und integriert Körpersignale mit Emotion und Aufmerksamkeit. Es ist damit genau, was das Modell an dieser Stelle verlangt: eine Schicht ohne eigenen Inhalt, die auswählt und freigibt. Wir trennen dabei Mechanismus und Wert: Das Vorbewusste ist als Schicht der Torwächter; bewusst, vorbewusst und unbewusst sind die Werte auf der Achse Bewusster Zugang, die ein Inhalt durch dieses Tor erhält. So hat jedes Element genau einen Ort. Fehlregulierte Salienz macht eine Störungsklasse verständlich: In der Psychose werden belanglose Reize mit Bedeutung aufgeladen, und Wahnideen erklären diese Bedeutsamkeit [99]; im Modell führt der Weg vom Vorbewussten über die Urteilskraft zu einer Fehlzuschreibung auf der Achse Modalität.
4.5 Metakognition: Das Feld wendet sich auf sich selbst zurück
Rekursiv im strengen Sinn wird das Feld durch Metakognition: Das System macht seine eigenen Prozesse zum Gegenstand der Verarbeitung. Es überwacht, wie sicher es ist, bemerkt Fehler, beurteilt, was es weiß und was nicht, und passt seine Kontrolle entsprechend an [63]. Im Modell ist Metakognition die Kerntätigkeit der Vernunft, sie reicht aber in jede Domäne: Es gibt Metagedächtnis (wissen, ob man einen Namen weiß), Metawahrnehmung (Vertrauen in das Gesehene) und die Überwachung des eigenen Handelns. Messen lässt sie sich als Übereinstimmung von Konfidenz und Treffsicherheit, und sie kann gezielt ausfallen: Nach Läsionen des vorderen präfrontalen Kortex bleiben Wahrnehmungsentscheidungen intakt, während die Treffsicherheit beim Beurteilen dieser Entscheidungen leidet [64]. Metakognition erlaubt auch, Kontrolle abzugeben, ohne sie ganz aufzugeben: In Hypnose und Trance wird das eigene Handeln als automatisch erlebt, während eine übergeordnete Ebene den Rahmen hält, in dem dies geschieht. Die Cold-Control-Theorie deutet Hypnose genau so – als Ausführung einer Absicht, deren begleitende Meta-Repräsentation ausbleibt [53]; im Modell wird die Kontrollachse damit zweistufig: unten abgegeben, oben gehalten.
Metakognition verbindet mehrere Teile des Modells. Sie ist einer der beiden Bestandteile des Selbstbewusstseins (4.3); ihre Reichweite bestimmt die Rekursionstiefe im Artenvergleich (Abschnitt 6); ihr Ausfall zeigt sich bei Anosognosie und Anton-Syndrom, wo ein Defizit unerkannt bleibt [2]; ihre Rückkehr kennzeichnet den Klartraum (5.6); bei KI-Sprachmodellen ist sie nachweisbar, aber unzuverlässig [110]; und im Meta-Problem ist sie das Vermögen, das transparente Weltmodelle zum Rätsel macht (Abschnitt 8). In Abbildung 1 steht Metakognition deshalb an der Spitze der Beschreibung der Vernunft.
4.6 Der Kreis zwischen Welt und Handlung
Die Welt liefert Reize an Wahrnehmung und Vorbewusstes. Der Wille führt über Handlung und Motorik zurück in die Welt, die dadurch verändert wird und neuen Input erzeugt. Innerhalb dieses Kreises sagt das System voraus und vergleicht; das älteste experimentelle Beispiel ist das Reafferenzprinzip [83]. Handlung ist das Verhalten, wie es nach außen beschrieben wird; Motorik seine körperliche Ausführung über Motorkortex, Kleinhirn und Muskeln. Auch diese Zuordnung nennt Korrelate, keine Lokalisierungen: Läsionen des Kleinhirns verändern auch Denken und Affekt [143]. Die Trennung ist nicht nur zeichnerisch: Bei Parkinson bleibt die Ausführung erhalten, während das Auslösen gestört ist (Abschnitt 5.7).
4.7 Höhere Phänomene als Kopplungen
Phänomene wie Gewissen, Selbst oder Intuition erhalten keine eigenen Domänen. Sie erscheinen als stabile Kopplungen mehrerer Domänen mit charakteristischen Achsen-Positionen. Das hält das Modell sparsam und prüfbar: Ist ein Phänomen eine Kopplung, müssen Störungen der beteiligten Domänen es vorhersagbar verändern. Intuition etwa ist ein schnelles, überwiegend unbewusstes Zusammenwirken von Gedächtnis, Mustererkennung, Prospektion und Urteilskraft beim Pol „automatisch“ der Kontrollachse.
4.8 Botenstoffe und Konnektom
Wenn die Achsen reale Dimensionen sind, sollten sie sich neurochemisch verschieben lassen, und zwar in mehreren Domänen zugleich. Als Hypothesen bieten sich an: Noradrenalin und Acetylcholin für den Zugang [4], Dopamin für Kontrolle und Valenz [15, 137], Serotonin (5-HT2A) für Perspektive und Modalität [136]. Jeder Botenstoff wirkt auf mehrere Achsen; eine Eins-zu-eins-Zuordnung wäre eine Vereinfachung. Das passt zur Unterscheidung aus Abschnitt 4.2: Die Botenstoffsysteme entspringen kleinen Kernen in Hirnstamm und basalem Vorderhirn und wirken diffus auf die ganze Hirnrinde, nicht auf ein Areal. Einige Achsen hängen zusätzlich an Knotenpunkten, etwa die Perspektive am temporoparietalen Übergang; seine Reizung verschiebt die Perspektive, statt sie auszulöschen [21].
Das Modell macht außerdem eine Aussage, die sich am Konnektom prüfen lässt: Direkt gekoppelte Domänen sollten über ihre Netzwerk-Korrelate enger verbunden sein als ungekoppelte. Ein erster Abgleich passt: Die Hirnrinde ist entlang eines Gradienten von den Sinnesarealen zum Default-Mode-Netz organisiert, das am weitesten von ihnen entfernt liegt [115] – wie im Modell die Vernunft, die keine direkte Kopplung zur Wahrnehmung hat. Und Läsionen an verschiedenen Orten erzeugen dasselbe Symptom, wenn sie dasselbe Netzwerk treffen [65]; das stützt die funktionale Definition der Domänen.
4.9 Triebe: Quellen des Antriebs
Ein Feld, das nur wahrnimmt, bewertet und entscheidet, erklärt nicht, warum es überhaupt in Gang kommt. Diese Lücke füllen die Triebe. Wir fassen sie in vier Gruppen: körperliche Triebe (Nahrungsaufnahme, Durst, Wärmeregulation, Selbsterhaltung), Fortpflanzung (Sexualtrieb, Fürsorge für den Nachwuchs), soziale Triebe (Bindung, Rang, Territorium) und Erkenntnistriebe (Erkundung, Spiel und, als Hypothese, ein metaphysisches Bedürfnis nach Sinn). Die Gruppen decken sich weitgehend mit den Grundsystemen, die Panksepp bei Säugetieren durch Hirnreizung und Läsionen abgrenzte: Suchen, Wut, Furcht, Lust, Fürsorge, Trennungsschmerz und Spiel [130].
Triebe sind keine zehnte Domäne. Sie haben keinen gemeinsamen Inhalt und keine gemeinsame Rechenaufgabe, sondern sind Quellen, die in verschiedene Domänen hineinwirken: Erkundung in Wahrnehmung und Prospektion, Bindung und Rang in die Soziale Kognition, das Sinnbedürfnis in die Vernunft, Hunger und Sexualtrieb in Emotionen und Wille. In Abbildung 1 liegen sie deshalb als eigenes Band unter dem Feld und wirken diffus nach oben – das Gegenstück zu den Achsen, die von oben auf alle Domänen wirken. Damit nimmt das Modell Freuds Triebbegriff auf, der den Trieb als Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem fasste [66]: Triebe entspringen dem Träger, werden aber erst im Feld zu Wünschen, Zielen und Plänen.
Dass Triebe weder in den Emotionen noch im Willen aufgehen, zeigt die Trennung von Wollen und Mögen. Entfernt man bei Ratten das Dopamin im Belohnungssystem fast vollständig, bleibt das Mögen erhalten – auf Süßes reagieren sie unverändert –, während das Wollen, der Antrieb, eine Belohnung aufzusuchen, zusammenbricht [16]. Das Wollen entspricht dem Trieb, das Mögen der Bewertung durch die Emotionen, und die Wahl zwischen Zielen ist Sache des Willens. Der akinetische Mutismus zeigt dieselbe Grenze von der anderen Seite: Wahrnehmung und Bewertung sind erhalten, der Antrieb fehlt (Anhang).
Zwei Alltagsphänomene zeigen, wie Triebe ins Feld hineinwirken. Langeweile entsteht, wenn das Vorbewusste nichts Salientes mehr findet; sie ist kein Leerlauf, sondern ein Signal, das zur Suche nach neuen Zielen antreibt [12] – der Erkundungstrieb meldet sich. Ekel beginnt als körperlicher Schutz vor Verdorbenem und wird sozial und moralisch übernommen: Ein unfaires Angebot löst dieselbe Bewegung der Gesichtsmuskeln aus wie ein bitterer Geschmack [39]. Hier wandert ein körperlicher Trieb über die Emotionen bis in die Urteilskraft.
Zwei Nachbarbegriffe gehören nicht zu den Trieben. Homöostase hält Sollwerte konstant; Allostase passt den Organismus an Belastung an und hat bei Dauerbelastung ihren Preis, die allostatische Last [118, 149]. Beides sind Mechanismen des Trägers. Ein Trieb dagegen ist gerichtet und setzt das Feld in Bewegung. Motivation schließlich ist der Trieb, wie er im Feld bewertet und auf ein Ziel bezogen wird.
Über die Arten sind die Gruppen unterschiedlich weit ausgebildet. Körperliche Triebe und Fortpflanzung finden sich schon bei der Fliege, Erkundung und Spiel bei vielen Säugetieren und Vögeln, Rang und Territorium bei sozial lebenden Arten. Ein metaphysisches Bedürfnis – nach Sinn, nach dem Ganzen, nach dem, was nach dem Tod kommt – ist nur beim Menschen belegt. Kant nannte es eine „Naturanlage“ zur Metaphysik (KrV B 21) [95], und religiöse Vorstellungen finden sich in allen bekannten Kulturen [25]. Ob es ein eigener Trieb ist oder der Erkundungstrieb, der mit der Vernunft über alle Erfahrung hinausgreift, ist offen; einen eigenen Schaltkreis kennen wir nicht. Wir führen es als Hypothese. KI-Sprachmodelle haben in diesem Sinn keine Triebe: Ihnen fehlt ein Körper, dem etwas fehlen könnte, und ihre Ziele kommen von außen. Wenn sie über Sinn sprechen, geben sie die Spur menschlicher Triebe in ihren Trainingsdaten wieder, nicht einen eigenen Trieb.
5 Fallanalysen
Die folgenden Analysen lassen sich in Abbildung 1 über die „Linse“ nachvollziehen.
5.1 Gewissen
Das Gewissen ist eine Kopplung: Vernunft liefert Prinzipien, Urteilskraft ordnet die eigene Handlung darunter ein, Emotionen liefern Schuld und Scham, Soziale Kognition bringt die verinnerlichte Sicht der anderen ein, Prospektion und Gedächtnis erzeugen warnendes und schlechtes Gewissen, und der Wille setzt das Urteil durch. Kant bestimmt das Gewissen als „die sich selbst richtende moralische Urteilskraft“ [98]; bei Freud entspricht die Kopplung dem Über-Ich [67]. Aus der Aufteilung der Empathie folgt: Bleibt die kognitive Empathie intakt, während die affektive gestört ist, wird Schaden verstanden, aber nicht gefühlt – das für Psychopathie beschriebene Profil [19]. Werden Menschen mit Psychopathie ausdrücklich aufgefordert mitzufühlen, nähert sich ihre Hirnaktivität der von Vergleichspersonen an [119]. Die affektive Empathie fehlt also nicht; sie läuft nur nicht automatisch. Der Unterschied liegt auf der Kontrollachse.
5.2 Selbst und Seele
Das Selbst ist keine Domäne, sondern die Einheit der Gesamtkonfiguration. Kant fasst diese Einheit formal: „Das: Ich denke, muss alle meine Vorstellungen begleiten können“ (B 131) [95]. Ob es eine Seele als unsterbliche Substanz gibt, entscheidet das Modell nicht: Eine solche Seele ist in ihm weder abbildbar noch prüfbar, und auch Kant behandelt ihre Unsterblichkeit als Postulat der praktischen Vernunft [96]. Erklären kann das Modell, warum der Glaube an eine Seele und an das Fortwirken der Toten – etwa in der Ahnenverehrung – so verbreitet ist: Soziale Kognition schreibt Personen ein Innenleben zu, und diese Zuschreibung endet nicht automatisch mit dem Tod; schon Kinder schreiben Verstorbenen weiterhin mentale Zustände zu [13]. Die Erklärung betrifft den Glauben, nicht seine Wahrheit.
5.3 Der DMT-Zustand
Der durch DMT ausgelöste Zustand ist weder ein Ort noch eine neue Domäne, sondern eine extreme Verschiebung auf den Achsen. Intern Erzeugtes erhält den Status des Wirklichen, oft des Gewissen; die Kontrolle ist automatisch, die Ich-Grenze löst sich auf, der Zeitbezug fällt aus. Das REBUS-Modell beschreibt dies als Lockerung übergeordneter Vorhersagen [34], und bildgebende Befunde zeigen eine Auflösung der üblichen Netzwerkgrenzen [154]. Viele beschreiben ihre Begegnungen als vollkommen wirklich; in einer großen Befragung gab die Mehrheit an, die Erfahrung habe ihre grundlegende Wahrnehmung der Wirklichkeit verändert [47].
Die berichteten Wesenheiten kehren in wenigen Typen wieder [107], die das Modell in drei Schichten liest. Am häufigsten wird eine unbestimmte Anwesenheit berichtet – „da ist jemand“ – ohne weiteren Inhalt: Soziale Kognition erkennt auch ohne Input einen Akteur, wie bei der Schattenperson, die sich durch Reizung des temporoparietalen Übergangs auslösen ließ [3]. Darüber liegen arttypische Vorlagen: eine weibliche oder fürsorgliche Anwesenheit (Bindung), Gottheiten (übermächtiges Gegenüber und Sinn), Tiere und Kreaturen (alte Detektoren für Räuber und Gefahr), geometrische und Lichtwesen (Muster der frühen Sehrinde, die Psychedelika zuverlässig hervorrufen [26]) und Gestaltwandler, die Erwartungen brechen. Die oberste Schicht ist kulturelle Füllung: hinduistische oder ägyptische Gottheiten, Außerirdische, Roboter und „Maschinenelfen“, ein Ausdruck, den Terence McKenna bekannt machte. Dass viele Menschen denselben Typen begegnen, macht die Wesenheiten nicht zu einem Teil der Welt: Übereinstimmung gleich gebauter Gehirne unter derselben Substanz zeigt ihre gemeinsame Architektur (Abschnitt 2). Ob der erlebte Raum unabhängig existiert, ist eine Frage nach seiner tatsächlichen Herkunft, für die die Kriterien aus Abschnitt 2 gelten.
5.4 Autismus
Das Modell beschreibt Autismus als andere Konfiguration und nicht als Ausfall einer Domäne. Soziale Kognition läuft häufiger kontrolliert statt automatisch, was erklärt, warum soziale Anpassung Kraft kostet [85]; Salienz und Vorhersage gewichten Sinnesdetails anders [132]. Da Soziale Kognition am eigenen Typ kalibriert ist, ist das Missverstehen zwischen autistischen und nichtautistischen Menschen wechselseitig [124].
5.5 Freud und Jung
Freuds topisches Modell ist die Tiefenachse; sein Strukturmodell verteilt sich auf Kopplungen [67]: Das Es entspricht Unbewusstem und Emotionen, das Ich Wille und Verstand, die das Realitätsprinzip über die Achse Modalität vermitteln, das Über-Ich der Gewissens-Kopplung. Abwehr ist eine Sperre des Zugangs im Vorbewussten. Jungs vier Funktionen [93] lassen sich Domänen zuordnen: Denken dem Verstand, Fühlen den Emotionen, Empfinden der Wahrnehmung, Intuition der Prospektion samt unbewusster Mustererkennung. Das kollektive Unbewusste nimmt das Modell nur in naturalistischer Lesart auf, als artgleiche, evolutionär geformte Grundstrukturen [112].
5.6 Grenzfälle der Modalität
Im Traum werden intern erzeugte Inhalte der äußeren Welt zugeschrieben, während Vernunft und Wille kaum prüfen; im Klartraum kehren Reflexion und Kontrolle teilweise zurück [159]. Bei der außerkörperlichen Erfahrung verschiebt sich die Perspektive; dass sie sich durch Reizung des temporoparietalen Übergangs auslösen ließ [21], stützt die Deutung als Konstruktion des Selbstmodells.
5.7 Läsionen und Stereotypien
Läsionen sind der härteste Test für eine funktionale Architektur, weil sie zeigen, was sich trennen lässt. Split-Brain: Nach Durchtrennung des Balkens erfindet die sprachfähige linke Hemisphäre ohne Zögern Gründe für Handlungen, die die rechte ausgelöst hat [71]. Eine Handlung, deren tatsächliche Herkunft unzugänglich ist, erhält einen erfundenen Grund, der als wirklich genommen wird; Erklärungen des eigenen Handelns werden konstruiert, nicht abgelesen. Neglect: Nach rechtsseitigen Läsionen wird die linke Raumhälfte nicht beachtet, obwohl das Sehen erhalten ist [43] – auch in der Vorstellung eines vertrauten Platzes. Das passt zu einer Störung des Vorbewussten, einer Schicht unter allen Domänen. Agnosie: Gegenstände werden gesehen, aber nicht erkannt [58]; eine Patientin mit Formagnosie konnte die Ausrichtung eines Schlitzes nicht angeben, steckte aber eine Karte zielsicher hinein [74]. Wahrnehmung kann also über Wille und Motorik in Handlung münden, ohne Zugang und ohne Begriff. Parkinson: Zuerst geht die automatische Steuerung von Bewegungen verloren [137]; über Linien am Boden steigen Betroffene dennoch sicher. Was nicht mehr automatisch läuft, wird kontrolliert ausgelöst; die Motorik selbst ist weitgehend intakt.
Den Gegenpol bilden Stereotypien bei Tieren in reizarmer oder beengter Haltung, etwa das „Weben“ von Elefanten nach Jahren in Kettenhaltung [117]. Hier läuft ein Bewegungsablauf automatisch weiter, den der Wille nicht mehr stoppen kann, oft noch lange, nachdem sich die Haltung verbessert hat. Parkinson und Stereotypie liegen damit an entgegengesetzten Enden derselben Kontrollachse: Im einen Fall fehlt das Automatische, im anderen ist es nicht mehr zu bremsen.
Gegensatz-Paare. Am aufschlussreichsten sind Läsionen in Paaren, die einander spiegeln. Bei Blindsicht steuert visuelle Information das Verhalten ohne bewussten Zugang [162]; beim Anton-Syndrom behaupten Patienten zu sehen, obwohl das kortikale Sehen ausgefallen ist [2] – Wahrnehmung ohne Zugang gegen „Zugang“ ohne Wahrnehmung. Beim Locked-in-Syndrom sind Bewusstsein und Wille erhalten, während der motorische Ausgang blockiert ist; beim akinetischen Mutismus ist die Motorik intakt, aber der Antrieb zum Handeln fehlt [46]. Beim Capgras-Wahn erscheint eine vertraute Person als Doppelgänger [56]; beim Fregoli-Wahn erscheinen Fremde als eine vertraute Person in Verkleidung [44]. Jedes Paar trennt, was das Modell auseinanderhält: Wahrnehmung und Zugang, Wille und Ausführung, Erkennen und Vertrautheitsgefühl.
5.8 Charakter und seine Zuschreibung
Wir schreiben Mitmenschen und Haustieren Charaktereigenschaften zu: Jemand ist ängstlich, gewissenhaft oder misstrauisch; der Hund schaut schuldbewusst. Das Modell bietet eine einfache Lesart an. Ein Zustand ist eine momentane Verschiebung auf den Achsen, eine Eigenschaft ihre typische Grundstellung, zusammen mit der Stärke bestimmter Kopplungen. Ängstlich heißt dann: Die Valenz steht in Ruhe eher im Negativen, und der Träger reagiert stark; gewissenhaft: Die Kontrolle steht beim kontrollierten Pol, der Zeitbezug in der Zukunft; impulsiv: Die Kontrolle steht beim automatischen Pol, und der Wille hemmt schwach; nachtragend: Der Zeitbezug haftet an der Vergangenheit und ist an negative Valenz gekoppelt; leichtgläubig: Die Modalität setzt schnell „wirklich“; misstrauisch: Die Urheberschaft schreibt anderen bereitwillig feindliche Absichten zu. Die Persönlichkeitsforschung beschreibt Eigenschaften ähnlich, als typische Verteilungen momentaner Zustände [62]. Eine Eigenschaft passt nicht: Geselligkeit, ein Teil der Extraversion [90], lässt sich mit der Valenz allein nicht beschreiben; sie braucht zusätzlich die Motivationsrichtung Annäherung gegen Vermeidung bei den Emotionen (4.2) und einen starken sozialen Bindungstrieb (4.9).
Bei Tieren sagt das Modell voraus, welche Zuschreibungen plausibel sind: nur solche, die Domänen voraussetzen, die das Tier hat. Ein „schuldbewusster Blick“ des Hundes setzte die Kopplung des Gewissens und damit Vernunft voraus; im Experiment folgt er dem Schimpfen des Halters, nicht der eigenen Untat [84]. Eifersuchtsähnliches Verhalten braucht dagegen nur Emotionen und elementare Soziale Kognition, und es wurde bei Hunden beobachtet [77]. Dass wir Tieren dennoch Schuld oder Hinterlist ansehen, ist dieselbe Neigung der Sozialen Kognition, die hinter Ereignissen Akteure erkennt (Abschnitt 5.3).
6 Vergleichende Analyse: Vom Fluss zum Feld
Fasst man den linearen Informationsfluss als Grundform auf, ist das Kognitive Feld dessen tiefer rekursive Form. Der Vergleich über Arten hinweg macht das sichtbar. Die Zuordnungen sind unsere Einordnung der Forschungslage, keine Messungen; eine Domäne schreiben wir erst zu, wenn Lernleistung, neuronale Befunde und der Ausschluss einfacherer Erklärungen zusammenpassen. Statt eines einzigen Gradienten unterscheiden wir, wie Birch und Kollegen für Bewusstsein bei Tieren vorgeschlagen haben [18], mehrere Dimensionen: den Domänenbestand, die Kopplungsdichte (wie stark das Feld integriert ist), die Rekursionstiefe (wie oft das System auf eigene Prozesse zurückgreift) und die Achsenspannweite (etwa wie weit der Zeitbezug in die Zukunft reicht). Der Gradient in Abbildung 1 ist eine vereinfachte Projektion dieses Raums.
| System | Domänenbestand | Kopplungsdichte | Rekursionstiefe | Achsenspannweite |
|---|---|---|---|---|
| Koralle | minimal | keine (Nervennetz) | keine | nur Gegenwart |
| Fliege | gering | gering | sehr gering | Zeitbezug Sekunden |
| Fisch | gering bis mittel | mittel | gering | Zeitbezug kurz |
| Oktopus | mittel | gering (dezentral) | gering | Zeitbezug kurz bis mittel |
| Rabenvogel | hoch | mittel bis hoch | mittel | Zeitbezug Tage |
| Menschenaffe | hoch | hoch | mittel | Zeitbezug Stunden bis Tage |
| Mensch | vollständig | hoch | hoch | Lebensspanne und darüber hinaus |
| KI-Sprachmodell | oben hoch, unten kaum | unklar | Introspektion unzuverlässig | Zeitbezug weit, ohne Gegenwart |
Koralle und Fliege. Korallen haben kein Gehirn, nur ein Nervennetz ohne Zentrum; sie markieren den Nullpunkt der Skala, den reinen Reflexbogen. Das Gehirn der Fliege Drosophila mit rund 140.000 Neuronen ist vollständig kartiert [55]; nachweisbar sind Wahrnehmung, assoziatives Lernen, Bewertung und Handlungsauswahl, Vorhersage nur kurzfristig im Sinne der Reafferenz. Ob Insekten etwas erleben, ist offen [8].
Fische und Reptilien. Fische sind die ältesten Wirbeltiere. Sie zeigen Schmerzreaktionen, die über einen Reflex hinausgehen [146], und ein Putzerlippfisch bestand eine Variante des Spiegeltests, deren Deutung umstritten ist [102]. Bei Reptilien kommen räumliches Gedächtnis und erste Belege für soziales Lernen hinzu [100].
Oktopus. Der Krake ist der weiteste Vergleichsfall. Etwa zwei Drittel seiner rund 500 Millionen Neuronen liegen in den Armen [72]; viel Steuerung läuft dezentral. Dennoch zeigt er Werkzeuggebrauch, etwa mitgetragene Kokosnussschalen als späteren Unterschlupf [61], und Befunde sprechen für affektives Schmerzerleben [45]. Der Oktopus zeigt, warum eine Dimension nicht genügt: beachtlicher Domänenbestand, aber geringe zentrale Integration.
Rabenvögel und Menschenaffen. Raben planen flexibel für die Zukunft [94]; Buschhäher verstecken Futter erneut, wenn sie beobachtet wurden, vor allem wenn sie selbst schon gestohlen haben [57]. Diese Leistungen beruhen auf einem Pallium ohne geschichteten Neokortex, aber mit kortexähnlichen Schaltkreisen [148]. Das Kognitive Feld ist also mindestens zweimal unabhängig entstanden. Menschenaffen bewahren Werkzeuge für später auf [125], erkennen sich im Spiegel [70] und berücksichtigen falsche Überzeugungen anderer [103]. Die Grenze zum Menschen liegt nicht im Domänenbestand, sondern in Rekursionstiefe und Achsenspannweite.
KI-Systeme (Stand Oktober 2026). Große Sprachmodelle zeigen ein umgekehrtes Profil: Die Evolution baute von unten nach oben, Sprachmodelle beginnen oben, bei Sprache, Verstand und Urteilskraft. Leistungen in Theory-of-Mind-Aufgaben sind dokumentiert [150], ihre Deutung ist umstritten. In der Fachliteratur bezeichnet Superintelligenz dagegen Systeme, die den Menschen in nahezu allen kognitiven Bereichen übertreffen [24]1; im Modell hieße das: alle neun Domänen auf oder über menschlichem Niveau. Auf heutige Sprachmodelle trifft der Begriff in diesem Sinn nicht zu.
Unten fehlt fast alles: kein Körper, keine Interozeption, keine Bewertung, die ein Überleben regelt. Die Schwachstelle liegt auf der Achse Modalität: Erzeugtes wird teils mit dem Status einer Tatsache ausgegeben [89]. Das beschreiben wir funktional, am Verhalten; einen inneren Zuschreibungsmechanismus wie beim Menschen setzen wir damit nicht voraus. Introspektion ist nachweisbar, aber unzuverlässig [110]. Für die Verkörperung unterscheiden wir drei Stufen: das Sprachmodell im Dialog, den Agenten, der über Werkzeuge handelt und dabei echte Begrenzung erfährt, etwa durch einen fehlschlagenden Programmtest, und den Roboter mit Sensorik und Motorik. Das Modell erwartet, dass die Lücke zwischen tatsächlicher Herkunft und zugeschriebenem Status von Stufe zu Stufe abnimmt, weil die Welt die Annahmen häufiger von außen begrenzt. Ob solchen Systemen Erleben zukommt, lässt sich mit heutigen Methoden nicht entscheiden [32]. Da dieser Abschnitt unter Beteiligung eines solchen Systems verfasst wurde, sind die enthaltenen Selbstauskünfte als Daten mit unklarer Verlässlichkeit zu behandeln.
1 Seit dem 29. September 2026 verwendet die US-Bundesregierung per Executive Order statt „Artificial Intelligence“ die Bezeichnung „Super Intelligence“ (SI); vorläufig gilt dafür die bestehende gesetzliche Definition von KI [164]. Mit dem Begriff der Fachliteratur hat diese Verwendung nichts zu tun. ↩
7 Prüfbare Vorhersagen
Zu jeder Vorhersage nennen wir eine konkurrierende Erklärung desselben Befunds und die Bedingung, unter der sie widerlegt wäre.
- Gradient und Konvergenz. Domänen treten in der Stammesgeschichte schrittweise auf und können auf anderer neuronaler Grundlage erneut entstehen; Rabenvögel planen und berücksichtigen Beobachter ohne Neokortex [57, 94, 148]. Alternative: spezialisierte Anpassungen an das Futterverstecken statt allgemeiner Vermögen. Widerlegt, wenn sich weitreichende Prospektion bei Arten mit geringer Rekursionstiefe zuverlässig nachweisen lässt oder die Leistungen der Rabenvögel sich als einfache Assoziation erklären lassen.
- Gekoppelte Domänen fallen gemeinsam aus. Menschen mit Hippocampus-Amnesie können sich auch neue Situationen kaum vorstellen [78]; andere Patienten erzeugten allerdings normale Zukunftsszenarien [147]. Alternative: gemeinsamer Ausfall durch gemeinsame Anatomie statt funktionaler Kopplung; trennscharf wird die Vorhersage erst bei Kopplungen räumlich getrennter Netzwerke (Abschnitt 4.8). Widerlegt, wenn Läsionen der verbindenden Bahnen die gekoppelten Domänen regelmäßig unabhängig voneinander lassen.
- Zustände sind Achsen-Verschiebungen. Veränderte Bewusstseinszustände erzeugen keine neuen Domänen, sondern verschieben Werte auf den Achsen; Erfahrungsberichte lassen sich in niedrigdimensionalen Zustandsräumen ordnen [126]. Alternative: andere dimensionale Modelle wie der 5D-ASC [54] ordnen dieselben Berichte ohne Domänen. Widerlegt, wenn sich Zustandsberichte nicht durch wenige Achsen ordnen lassen oder Leistungen enthalten, die keiner Domäne zuzuordnen sind.
- Vorhersage wirkt domänenübergreifend. Ist die Vorhersage eigener Handlungen gestört, betrifft das Wahrnehmung, Wille und Selbsterleben zugleich; bei Ich-Störungen wird Selbstkitzeln häufig nicht abgeschwächt [20]. Alternative: eine spätere, fehlerhafte Zuschreibung der Urheberschaft statt gestörter Vorhersage [151]. Widerlegt, wenn sich solche Störungen auf eine einzige Domäne begrenzen lassen.
- Empathie ist zweigeteilt. Affektive und kognitive Empathie sind getrennt störbar: Bei Autismus ist eher die kognitive, bei Psychopathie eher die affektive Empathie betroffen [19]. Alternative: eine einzige Empathie, die bei Psychopathie nur nicht spontan eingesetzt wird [119]. Widerlegt, wenn beide Formen stets gemeinsam variieren.
- Das Gefühl der Unerklärlichkeit folgt der Transparenz. Wie stark ein Erleben als unmittelbar gegeben und unerklärlich beschrieben wird, hängt davon ab, ob seine Konstruktion durchschaubar ist [37, 123]. Alternative: eine kulturell erlernte oder allgemeine introspektive Illusion. Widerlegt, wenn solche Berichte gleich stark bleiben, auch wo Menschen ihre Wahrnehmung als konstruiert erleben, etwa im Klartraum oder in Meditation.
8 Das Modell und das Leib-Seele-Problem
Das harte Problem ist die heutige Gestalt des alten Leib-Seele-Problems. Das Modell beantwortet es zur Hälfte. Der Leib ist der Träger des Feldes, der Geist das Feld selbst – das, was der verkörperte Organismus tut; die Seele, soweit das Modell von ihr spricht, ist die Einheit dieser Konfiguration (Abschnitt 5.2), keine zweite Substanz. Einen Dualismus wie bei Descartes [50] braucht es deshalb nicht: Leib und Geist sind nicht zwei Dinge, die zusammenwirken müssen, sondern Träger und Getragenes. In den Begriffen der Philosophie des Geistes ist das ein nicht-reduktiver Monismus: Es gibt eine Welt, aber der Geist ist nicht einfach Physik. Offen bleibt die andere Hälfte: warum das Getragene erlebt wird – warum es Qualia gibt.
Chalmers unterscheidet die „leichten“ Probleme des Bewusstseins – Zugang, Aufmerksamkeit, Berichtbarkeit – vom harten Problem, warum diese Funktionen überhaupt von Erleben begleitet sind [36]. Wachheit und Zugang sind leichte Probleme, Erleben ist das harte. Wir ordnen das Modell auf drei Stufen ein.
Stufe 1: Wann und wo Bewusstsein auftritt. Hier ist das Modell eine integrative Architektur: Das Vorbewusste entspricht der Zugangsfunktion des globalen Arbeitsraums [5, 49], der Kreis aus Vorhersage und Abgleich dem Predictive Processing [41], die Vernunft als Metakognition den Theorien höherer Ordnung [30]. Dass sich keine dieser Theorien allein durchsetzt, zeigt ein großer, vorab vereinbarter Vergleichstest, der Global-Workspace-Theorie und Integrierte Informationstheorie in Teilen nicht bestätigte [42].
Stufe 2: Das Meta-Problem. Chalmers hat vorgeschlagen, zunächst zu erklären, warum Wesen wie wir das harte Problem überhaupt für ein Problem halten [37]. Hier leistet das Modell einen eigenen Beitrag. Auf der Perspektivachse erlebt das System seine Zustände als die eines Ich. Auf der Achse Modalität gibt es seinen eigenen Modellen nicht den Status von Konstruktionen, sondern den der Welt als schlicht Gegebenes – Metzinger nennt dies die Transparenz des Selbstmodells [123]. Ein System mit beiden Eigenschaften muss sein Erleben als unmittelbar, privat und physikalisch unerklärlich beschreiben, gleichgültig, wie die metaphysische Antwort ausfällt.
Stufe 3: Das harte Problem selbst. Hier bleibt das Modell offen. Qualia sind genau das, was das harte Problem erklären müsste; die Achsen beschreiben nur, wie sie gegeben sind – getönt (Valenz) und als wirklich oder bloß möglich markiert (Modalität). Der Strukturierte Realismus legt eine Richtung nahe: Wenn wir die Welt vor allem in ihrer Struktur erkennen [141], bleibt offen, was ihre innere Natur ist. Der russellsche Monismus vermutet, dass Erleben selbst diese innere Natur sein könnte [1], erbt aber das Kombinationsproblem. Wir nennen ihn als Option, ohne uns festzulegen.
9 Einwände und Erwiderungen
9.1 Der kantische Zirkel
Einwand. Die evolutionäre Herleitung der Erkenntnisformen setzt Raum, Zeit und Kausalität voraus – genau die Formen, die sie erklären will. Für einen Kantianer ist auch die Evolution nur Erscheinung.
Erwiderung. Wir räumen den Zirkel ein und bestreiten, dass er bösartig ist. Es gibt keinen Standpunkt außerhalb allen Erkennens; Neurath verglich die Wissenschaft mit Schiffern, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen [127], und Quine machte daraus das Programm einer naturalisierten Erkenntnistheorie. Ein solcher Zirkel ist zulässig, wenn er hätte scheitern können: Wären unsere Raum-, Zeit- und Kausalitätsvorstellungen unpassend, würden Vorhersagen, die auf ihnen beruhen, systematisch fehlschlagen. Zudem stützt das Invarianzkriterium die realistische Deutung unabhängig von einem einzelnen System. Ein Baum stürzt zur Zeit der Dinosaurier um, rund hundert Millionen Jahre vor dem ersten Menschen. Dinosaurier, früher Säuger und Vogel hören verschiedene Klänge, registrieren aber übereinstimmend Ort, Zeitpunkt und Abfolge: erst der Sturz, dann die Druckwelle, dann die Flucht. Daraus folgt auch eine Antwort auf die Frage, die mit Berkeleys Grundsatz verbunden wird, dass Sein Wahrgenommenwerden heißt [14]: Ein Baum, der ungehört umfällt, erzeugt eine Druckwelle, denn sie gehört zur Welt, aber keinen Klang, denn der gehört zu einem hörenden System. Aussagen über Ereignisse vor jedem Bewusstsein, etwa die Entstehung der Erde, sind für Positionen, die Sein an Bewusstsein binden, ohnehin schwer einzuholen [120]. All das ist ein Schluss auf die beste Erklärung, kein Beweis. Der Zirkel ist nicht bösartig, aber auch nicht beseitigt.
9.2 Interface-Theorie und Simulationshypothese
Einwand. Hoffman und Kollegen zeigen in evolutionsspieltheoretischen Modellen, dass auf Fitness abgestimmte Wahrnehmung solche verdrängt, die die Welt wahrheitsgetreu abbildet; Raum und Zeit seien nur eine Benutzeroberfläche [82, 135]. Die Simulationshypothese geht weiter: Wahrscheinlich lebten wir in einer Computersimulation [23]. Beide bestreiten, dass die Welt in Raum und Zeit die eigentliche Wirklichkeit ist.
Erwiderung. Hoffmans Argument untergräbt sich selbst, weil es voraussetzt, was es bestreitet. Sein Theorem ist innerhalb seiner Annahmen mathematisch korrekt, aber diese Annahmen sind Populationen von Lebewesen, die sich über Generationen fortpflanzen und um Ressourcen konkurrieren – also mindestens eine reale Welt mit Zeit, Abfolge und Kausalität. Wer mit einem solchen Modell zeigen will, dass Raum und Zeit nicht real sind, sägt den Ast ab, auf dem er sitzt [6]. Hoffman selbst nimmt Logik und Mathematik von seinem Argument aus; dann aber können evolutionär entstandene Vermögen die Wahrheit treffen, und es bleibt nur die Frage, in welchen Bereichen. Das Invarianzkriterium gibt darauf eine Antwort.
Die Simulationshypothese lässt sich nicht widerlegen. Vier Gedanken zeigen aber, dass sie den Strukturierten Realismus nicht gefährdet und als Erklärung wenig leistet. Erstens bleibt der Realismus bestehen. Hätte vor 66 Millionen Jahren kein Asteroid die Erde getroffen und die Atmosphäre über Jahre verdunkelt, hätten sich die Dinosaurier weiter entfaltet und die kleinen Säuger wären klein geblieben. Es gäbe dann keine Primaten, keinen Menschen, keine Mathematik, keine Physik, keine Computer – und folglich weder Hoffmans Simulationen noch eine Simulationshypothese. Beide Gedanken sind späte Produkte einer kontingenten Geschichte von Lebewesen auf einem Planeten, die über Jahrmillionen verschiedene Stufen des Kognitiven Feldes hervorgebracht hat, bis hin zu Menschen, die vor wenigen Jahrzehnten Software auf Chips zu schreiben begannen. Jede Simulation setzt eine reale Basiswelt mit einer solchen Geschichte voraus. Das räumt Bostrom selbst ein: Seine Hypothese bestreitet nicht, dass es eine reale Welt gibt, sondern nur, dass wir in ihr leben. Die Frage nach der Wirklichkeit wird verschoben, nicht beantwortet.
Zweitens immunisiert sich die Hypothese. Jeder Befund, der gegen sie spräche, lässt sich als Teil der Simulation erklären. Dieselbe Struktur haben Russells Fünf-Minuten-Hypothese, nach der die Welt samt allen Erinnerungen vor fünf Minuten entstanden sein könnte [140], und Gosses Omphalos-Argument, nach dem Fossilien zusammen mit der Welt erschaffen wurden [75]. Solche Hypothesen sind nicht widerlegbar, aber auch durch nichts zu stützen; keine Wand kann sie begrenzen. Nach dem Begrenzungskriterium aus Abschnitt 2 sind sie deshalb keine empirischen Aussagen über die Welt. Selbst die Quantenphysik, die zeigt, dass Atome überwiegend leerer Raum sind, widerlegt die Wand nicht, gegen die man läuft: Sie erklärt, warum sie hart ist. Und sie wurde von Wesen entwickelt, deren Erkenntnisstrukturen über Jahrmillionen an solchen Wänden geformt wurden.
Drittens ist die Hypothese selektiv skeptisch. Bostroms Wahrscheinlichkeitsrechnung stützt sich auf unsere Physik, um abzuschätzen, wie viel Rechenleistung künftige Zivilisationen haben könnten, und erklärt zugleich die Welt, aus der diese Physik stammt, für wahrscheinlich simuliert. Für diese Auswahl, welchen Befunden man traut und welchen nicht, gibt es keinen guten Grund [17].
Viertens wäre auch eine simulierte Welt im Sinne des Strukturierten Realismus real. Chalmers hat argumentiert, dass Gegenstände in einer Simulation keine Illusionen sind, sondern digitale Gegenstände mit echten kausalen Kräften [38]. Auch eine simulierte Wand begrenzt, und was über Erkenntnissysteme hinweg gleich bleibt, bliebe auch dann gleich. Die Kriterien aus Abschnitt 2 unterscheiden deshalb nicht zwischen simulierter und nicht simulierter Welt, und sie müssen es nicht: Sie bestimmen, was für uns real ist und welche Struktur wir erkennen. Hätte Bostrom recht, bliebe der Strukturierte Realismus unberührt; es verschöbe sich nur der Ort der Basiswelt.
9.3 Leiblichkeit und Enaktivismus
Einwand. Nach Merleau-Ponty ist der Leib das Medium, durch das wir überhaupt eine Welt haben [122]; der Enaktivismus versteht Kognition als sensomotorische Tätigkeit eines verkörperten Organismus, nicht als Verarbeitung innerer Repräsentationen [153, 157]. Ein Diagramm aus Kästen sei ein „Kopf-Modell“.
Erwiderung. Wir nehmen den Einwand teilweise auf. Das Feld ist verkörpert, Interozeption gehört zur Wahrnehmung, die Motorik schließt den Kreis zur Welt, und dieser Kreis stammt von Dewey und von Uexküll. Eine eigene Körperebene im Diagramm haben wir erwogen und verworfen: Der Körper ist keine Schicht neben dem Vorbewussten, sondern Träger des ganzen Feldes. Abbildung 1 zeigt ihn deshalb als Band unter dem Feld statt als weiteren Kasten – das entspricht Merleau-Pontys Pointe besser. Ein Unterschied bleibt: Das Modell hält an inneren Modellen fest, weil Prospektion, Gedächtnis und Traum ohne sie kaum zu beschreiben sind. Im Traum ist der Kreis mit der Welt unterbrochen, und dennoch entsteht ein reiches Erleben.
9.4 Sparsamkeit
Einwand. Nach dem Prinzip der freien Energie minimiert jedes selbstorganisierende System Vorhersagefehler; Wahrnehmung, Handlung und Lernen sind nur verschiedene Weisen, das zu tun [68]. Wozu dann neun Domänen und sieben Achsen?
Erwiderung. Die Ansätze liegen auf verschiedenen Ebenen. Marr unterschied die Aufgabe, die ein System löst, von den Verfahren und Teilsystemen, mit denen es sie löst [116]. Das Prinzip der freien Energie gilt für ein Bakterium wie für einen Menschen und sagt deshalb nicht, welche trennbaren Vermögen ein Mensch hat; Läsionsbefunde zeigen, dass diese Frage gestellt werden muss. Das Modell nimmt Predictive Processing zudem auf, im Kreis mit der Welt und in Vorhersage 4. Widerlegt wäre unsere Erwiderung, wenn Vorhersagemodelle ohne domänenartige Untergliederung dieselben Dissoziationen erzeugen wie reale Läsionen.
10 Diskussion
Die Stärke des Modells liegt in drei Punkten. Es verbindet eine begrifflich reiche Tradition mit dem rekursiven Bild der heutigen Kognitionswissenschaft. Es legt offen, was Domäne und was Achse ist, und wird damit kritisierbar. Und es ordnet Fälle von der Ethik über Läsionen bis zur KI ein, ohne für jeden Fall neue Bausteine einzuführen.
Die Grenzen sind ebenso deutlich. Der Beitrag ist konzeptuell; die Vorhersagen sind abgeleitet, aber nicht von uns geprüft, und zwei von ihnen (2 und 4) sind von konkurrierenden Erklärungen noch nicht zu unterscheiden. Die Grenzen zwischen Domänen sind diskutierbar, besonders zwischen Urteilskraft und Vernunft und bei der Sprache. Ob die sieben Achsen vollständig und voneinander unabhängig sind, ist offen. Die realistische Lesart Kants ist eine starke These gegen die übliche Kant-Deutung. Die Zuordnungen in Abschnitt 6 beruhen auf unserer Interpretation der Literatur. Und das harte Problem des Bewusstseins bleibt offen.
Kandidaten in Prüfung. Externe Gutachten zu Version 4.5 von ChatGPT, Gemini und vier weiteren Modellen schlugen Ergänzungen vor. Wir prüfen sie, ohne sie schon aufzunehmen, weil jeder zusätzliche Baustein das Modell schwerer widerlegbar macht. Kandidaten für Domänen sind Sprache, eng gefasst als symbolisch-kompositionelle Verarbeitung [59], und Kernzahl, mit Akalkulie beim Menschen und Zahlenleistungen bei Tieren. Die Triebe, früher ebenfalls ein Kandidat, sind seit Version 4.8 als eigene Schicht aufgenommen, nicht als Domäne (4.9); die Allostase gehört als Anpassung an Belastung zum Träger. Von den Achsen-Kandidaten wurde die Urheberschaft aufgenommen (4.2). Annäherung gegen Vermeidung haben wir geprüft und nicht als Achse aufgenommen. Sie fällt zwar nicht mit der Valenz zusammen: Ärger ist negativ und treibt doch zur Annäherung [35], und Menschen suchen scharfes Essen, Horrorfilme und traurige Musik gezielt auf, also Reize, die zugleich als unangenehm erlebt werden [139]. Sie verschiebt aber belegbar nur Emotionen und Wille, nicht alle Domänen, und gilt deshalb als Motivationsrichtung bei den Emotionen (4.2). Zwei spätere Gutachten schlugen unabhängig voneinander die Verarbeitungsrichtung vor – ob Erwartung (top-down) oder Input (bottom-up) überwiegt. Den Unabhängigkeitstest könnte sie bestehen, denn das Charles-Bonnet-Syndrom ist top-down getrieben, während die Modalität „nicht wirklich“ bleibt; im Predictive Processing ist sie aber der Grundmechanismus aller Verarbeitung statt ein Parameter unter anderen. Beide Gutachten schlugen außerdem ein Selbstmodell (Körperbesitz, Gefühl der Urheberschaft) als Domäne vor; wir prüfen, ob es sich stattdessen als Bündel der Achsen Perspektive und Urheberschaft beschreiben lässt. Die Construal-Level-Theorie unterscheidet zeitliche, soziale, hypothetische und räumliche Distanz [155]; drei davon entsprechen unseren Achsen Zeitbezug, Perspektive und Modalität. Ihre Kernvorhersage, dass Distanz die Vorstellung abstrakter macht, hat sich in einer großen Multi-Labor-Replikation allerdings kaum bestätigt [33]; die Parallele ist deshalb eine Anregung, keine Stütze. Ein Gutachten schlug eine grundlegendere Umordnung vor: zu trennen, was repräsentiert wird (Körper, Raum, Zahl, Sprache, andere Akteure), was damit geschieht (wahrnehmen, speichern, simulieren, bewerten, auswählen, ausführen – Kants Vermögen gehörten hierher als Operationen) und unter welchen Zustandsparametern das geschieht (die Achsen). Das prüfen wir intern.
Ein Auslass-Test. Um zu prüfen, ob unsere Domänen auch ohne Vorgabe naheliegen, legten wir drei Sprachmodellen unterschiedlicher Größe (Claude Opus, Sonnet und Haiku) in 45 Durchläufen das Modell mit jeweils einer gestrichenen Domäne vor und baten sie, ohne Hinweis auf die Streichung die fehlenden Bausteine zu nennen; teils mit, teils ohne Domänennamen, dazu fünf Kontrollläufe mit vollständigem Modell. Wahrnehmung, Gedächtnis, Soziale Kognition, Emotionen und Wille wurden fast immer an erster Stelle ergänzt. Der Verstand wurde nur als Sprache gefunden, die Vernunft nur als Metakognition und auf mittleren Rängen, die Prospektion schwach – und die Urteilskraft in keinem Lauf. Umgekehrt schlugen fast alle Läufe Raumkognition, ein Selbstmodell, Arbeitsgedächtnis und Zahl vor. Der Test misst, was Sprachmodelle aus der Literatur für naheliegend halten, nicht, was richtig ist. Er zeigt aber, wo unsere Einteilung am stärksten von der kantischen Tradition abhängt und die meiste Begründung braucht. In Version 4.8 haben wir die Urteilskraft deshalb ohne Berufung auf Kant neu begründet, als Anwendung von Wissen auf den Fall (4.1); offen bleibt ihre Grenze zur Vernunft.
11 Fazit
Der Geist ist in diesem Modell keine Stufenfolge, sondern ein System: neun funktional definierte Domänen in einem rekursiven Feld, sieben Achsen, die beschreiben, wie sie jeweils arbeiten, und ein Kreis, der durch Körper und Welt hindurch geschlossen wird. Bewusstsein ist darin kein einzelnes Ding, sondern vier verschiedene Dinge mit vier verschiedenen Orten. Die Welt existiert unabhängig von uns, und unsere Strukturen sind an ihr geformt. Das Modell erklärt Erleben, ohne über das Jenseits des Erlebens zu entscheiden, und es benennt die Beobachtungen, die es widerlegen würden.
12 Ausblick: Prüfung und Anerkennung
Herkunft. Sebastian Bohnen ist ein unabhängiger Denker ohne Anbindung an eine Universität oder Forschungseinrichtung. Das Modell entstand außerhalb des akademischen Betriebs, im fortlaufenden Dialog mit KI-Systemen, die Literatur suchten, Gegenargumente formulierten und übersetzten. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Das Modell konnte Fachgrenzen überspringen – zwischen Kant, Freud, Neuropsychologie, vergleichender Kognition und KI –, die eine akademische Laufbahn meist trennt. Es hat aber noch nicht die Prüfung durchlaufen, die akademische Arbeit gewöhnlich besteht: Bisher wurde es von KI-Systemen begutachtet, nicht von menschlichen Fachleuten.
Der Weg zur Anerkennung. Für eine Theorie gilt dasselbe wie für die Welt in Abschnitt 2: Sie bewährt sich an dem, was ihr Widerstand leistet. Wir sehen fünf Schritte. Erstens eine Veröffentlichung als Preprint auf einem etablierten Server mit dauerhafter Kennung (DOI), etwa PhilArchive oder PsyArXiv. Zweitens die Begutachtung durch menschliche Fachleute aus Philosophie, Neuropsychologie und Kognitionswissenschaft, ausdrücklich mit der Bitte um Widerlegung. Drittens die Prüfung mindestens einer Vorhersage aus Abschnitt 7 an vorhandenen Daten, am ehesten der Konnektom-Vorhersage (4.8) an öffentlich zugänglichen Datensätzen. Viertens die Festlegung von Vorhersagen vor jeder neuen Fallanalyse, damit das Modell nicht nachträglich alles erklärt. Fünftens die Einreichung bei einer begutachteten Fachzeitschrift, wo die Regeln zur Offenlegung der KI-Beteiligung zu beachten sind.
KI und Wissenschaft. Die Fähigkeiten von KI-Systemen wachsen schnell: Die Länge der Aufgaben, die sie selbstständig lösen, hat sich seit 2019 etwa alle sieben Monate verdoppelt [104]. Dass die US-Regierung solche Systeme seit September 2026 offiziell „Super Intelligence“ nennt (Fußnote 1), zeigt, wie ernst die Entwicklung politisch genommen wird – auch wenn die Bezeichnung nicht bedeutet, dass Superintelligenz im Sinne der Fachliteratur erreicht ist. Unser Modell ist ein Beispiel für eine Folge dieser Entwicklung: Theorien können heute außerhalb von Institutionen entstehen, mit einer Breite an Literatur und Gegenprüfung, die früher eine Arbeitsgruppe erfordert hätte. Für Universitäten, Lehrende und Studierende verschiebt das die Aufgabe – weniger Wissen bereitstellen, mehr prüfen, gewichten und verantworten. Sie werden ihre Rolle neu bestimmen müssen, und zwar schneller, als es ihre gewohnten Zyklen vorsehen.
Als Prüfinstanz bleiben sie dabei unersetzlich, und unser eigenes Modell sagt, warum. KI-Sprachmodelle haben ein umgekehrtes Profil (Abschnitt 6): Sie sind stark in Verstand und Urteilskraft, schwach auf der Achse Modalität und neigen dazu, Erzeugtes als Tatsache auszugeben. Was ihnen fehlt, ist der Widerstand der Welt – das Experiment, die Messung, das Urteil von Menschen, die Verantwortung tragen. Ein Modell, das mit KI entstanden ist, braucht deshalb umso mehr eine Prüfung, die nicht von KI stammt. Um diese Prüfung bitten wir.
Anhang: Offene Prüffälle
Die folgenden Fälle sind noch nicht ausgearbeitet. Jeder Eintrag nennt, welche Domänen und Achsen er prüfen würde.
- Depression
- Negative Valenz, Gedächtnisabruf, Zukunftsvorstellungen und Handlungsbereitschaft könnten sich gegenseitig verstärken.
- Posttraumatische Belastungsstörung
- Prüffall für den Zeitbezug: Vergangene Bedrohung wird als gegenwärtig erlebt.
- ADHS
- Lassen sich Aufmerksamkeitsschwierigkeiten ohne eigene Domäne „Aufmerksamkeit“ beschreiben – über Vorbewusstes, Kontrolle, Wille und Prospektion?
- Hypnose, Placebo und Nocebo
- Erwartungen aus Prospektion und Sozialer Kognition verändern Wahrnehmung und Körpererleben – ein Test für domänenübergreifende Vorhersage.
- Schlafparalyse
- Wachbewusstsein mit traumartigen Inhalten bei gelähmter Motorik, oft mit dem Gefühl einer fremden Anwesenheit.
- Nahtod- und mystische Erfahrungen
- Verschiebungen von Perspektive, Zeitbezug und Modalität; lässt sich ihr Profil von psychedelischen Zuständen unterscheiden?
- Flow
- Hohe Leistung bei Kontrolle nahe „automatisch“.
- Kindliche Entwicklung
- Reifen die vier Entwicklungsdimensionen in derselben Reihenfolge wie im phylogenetischen Vergleich?
- Außersinnliche Wahrnehmung
- Remote Viewing und Präkognition als Prüffall für die Modalität: Innere Eindrücke aus Gedächtnis, Prospektion und unbewusster Mustererkennung werden als wirkliche Information über ein äußeres Ziel genommen. Eine tatsächliche äußere Quelle wäre belegt, wenn Treffer unter verblindeten, vorregistrierten Bedingungen zuverlässig über dem Zufall lägen; die Befundlage stützt das nicht [11, 138].
- Besessenheitstrance
- Kesurupan auf Java und Bali oder chinesische Tempelmedien: Perspektive („ein anderer spricht durch mich“) und Urheberschaft verschieben sich zugleich, oft rituell eingeleitet und beendet – ein Test für „Zustände sind Achsen-Verschiebungen“ in kulturell geformten Zuständen.
- Akinetischer Mutismus
- Wach und wahrnehmend, aber ohne jeden Antrieb zu handeln oder zu sprechen: ein Test für den Willen als eigene Domäne, getrennt von Wahrnehmung und Emotion. Seit Version 4.8 liest das Modell ihn auch als Ausfall des Antriebs: Die Triebe erreichen Wille und Handlung nicht mehr (4.9).
- Optische Ataxie und visuelle Agnosie
- Erkennen ohne zielgenaues Greifen und Greifen ohne Erkennen [74, 133]: eine doppelte Dissoziation, die den Weg von der Wahrnehmung zur Handlung prüft.
- Semantische Demenz und episodische Amnesie
- Verlust der Begriffe bei erhaltenem episodischem Gedächtnis und umgekehrt [81]: Gehören „Begriffe“ zum Verstand oder zum Gedächtnis?
- Alien-Hand-Syndrom
- Eine Hand handelt zielgerichtet gegen die Absicht der Person, und die Handlung wird als nicht die eigene erlebt, während das Ich-Gefühl bleibt [73]: der deutlichste Test für die Achse Urheberschaft (4.2).
- Aphantasie und Hyperphantasie
- Manche Menschen haben keine willentlichen inneren Bilder, andere ungewöhnlich lebhafte [167]. Menschen mit Aphantasie berichten kärgere autobiografische Erinnerungen [48]; ob Planen und das Vorstellen der Zukunft von Bildlichkeit abhängen, prüft, wie Prospektion definiert ist.
- Versagen unter Druck
- Könner versagen unter Druck, wenn sie auf Bewegungen achten, die sonst automatisch laufen [10]: ein Test der Kontrollachse im Alltag, das Gegenstück zu Parkinson.
- Molyneux-Problem
- Kann ein blind Geborener, der sehend wird, mit den Augen erkennen, was er durch Tasten kannte? Molyneux stellte Locke diese Frage. Neu sehende Kinder konnten es zunächst nicht, lernten es aber binnen Tagen [80]: Die Kopplung von Sehen und Tasten wird schnell erworben, statt von Anfang an gegeben zu sein.
- Kreativität
- Neukombination durch Gedächtnis und Prospektion, Auswahl durch Urteilskraft, Antrieb durch Erkundungs- und Spieltrieb, Bewertung durch Emotionen.
Änderungen
Version 4.9. Neuer Abschnitt 12 „Ausblick: Prüfung und Anerkennung“: unabhängige Herkunft des Modells, fünf Schritte zur Prüfung durch menschliche Fachleute, Rolle von KI und Universitäten. Abschnitt 4.9 nennt Langeweile und Ekel als Beispiele für Triebe im Feld. Der Bezug auf die Construal-Level-Theorie in Abschnitt 10 ist nach einer gescheiterten Multi-Labor-Replikation abgeschwächt.
Version 4.8. Triebe erhalten eine eigene Schicht unter dem Feld, in vier Gruppen (körperlich, Fortpflanzung, sozial, Erkenntnis), mit einem metaphysischen Sinnbedürfnis als Hypothese, das nur beim Menschen belegt ist (neuer Abschnitt 4.9; Abbildung 1: rosafarbenes Band, das diffus nach oben wirkt; Linsen nennen die Triebe). Die Allostase gehört als Anpassung an Belastung zum Träger, nicht zu den Trieben. Die Urteilskraft ist ohne Berufung auf Kant neu begründet, als Anwendung von Wissen auf den Fall, mit Belegen aus Aphasie, semantischer Demenz und präfrontalen Läsionen; die vmPFC-Befunde gelten nun als Beleg für die Kopplung von Emotionen und Urteilskraft (4.1). Annäherung–Vermeidung wurde als Achse geprüft und abgelehnt; sie ist die Motivationsrichtung bei den Emotionen (4.2, 10). Neu ist außerdem eine Fassung in Einfachem Deutsch.
Version 4.7. Abschnitt 8 ist jetzt als Leib-Seele-Problem gefasst: Leib und Geist als Träger und Getragenes, ein nicht-reduktiver Monismus; das harte Problem ist seine offene Hälfte. Qualia erscheinen in Abschnitt 2 (der gehörte Klang gehört zum System, die Druckwelle zur Welt) und in Abschnitt 8. Abschnitt 2 nennt Lockes primäre und sekundäre Qualitäten als Vorläufer des Invarianzkriteriums, ordnet den Strukturierten Realismus als Form des indirekten Realismus ein und ergänzt seinen Ort im Spektrum zwischen Idealismus und Materialismus. Ein neuer Abschnitt 5.8 liest Charaktereigenschaften als Grundstellung der Achsen und prüft Zuschreibungen an Haustiere. Abschnitt 4.5 beschreibt die zweistufige Abgabe von Kontrolle in Hypnose und Trance; Abschnitt 10 ergänzt einen dritten Beleg für die Kandidaten-Achse Annäherung–Vermeidung und berichtet einen Auslass-Test mit Sprachmodellen, in dem die Urteilskraft nie wiedergefunden wurde.
Version 4.6. Nach sechs externen Gutachten. Die Achse Informationsquelle wird zur Modalität (möglich – wirklich – gewiss), nach Kants Modalitätskategorien und einschließlich der Gewissheit; das Charles-Bonnet-Syndrom dient als ihr Unabhängigkeitstest (4.2). Als siebte Achse kommt die Urheberschaft (selbst – fremd – niemand) hinzu (4.2). Das Achsen-Kriterium wird neu gefasst: Domänen-Läsionen treffen eine Art von Inhalt oder Berechnung, Achsen-Verschiebungen denselben Parameter in vielen Domänen; jede Achse braucht einen Zustand, der sie allein verschiebt (4.2). Ein neuer Abschnitt 4.5 ist der Metakognition gewidmet; die folgenden Unterabschnitte sind neu nummeriert. Abschnitt 4.1 ergänzt Dissoziationsbelege für den kantischen Kern, behandelt Teilsysteme des Gedächtnisses als Ebene unter den Domänen, verortet die Sprache im Verstand, nennt Broca- und Wernicke-Areal und zitiert Lurias drei Funktionseinheiten. Abschnitt 2 beschränkt die Invarianz auf verschieden gebaute Systeme und ergänzt die Übereinstimmung über Traditionen hinweg (cipta–rasa–karsa, Yogācāra, Wang Yangming). Abschnitt 4.3 ergänzt den Sprachbefund (Indonesisch, Chinesisch); Abschnitt 4.6 nennt die nichtmotorische Rolle des Kleinhirns; Abschnitt 5.2 stellt die Neutralität des Modells zur Seele voran; Abschnitt 5.3 liest DMT-Wesenheiten in drei Schichten; Abschnitt 5.7 ergänzt Gegensatz-Paare (Blindsicht und Anton-Syndrom, Locked-in-Syndrom und akinetischer Mutismus, Capgras und Fregoli). Abschnitt 10 nennt Kandidaten in Prüfung, darunter Verarbeitungsrichtung und Selbstmodell, und den Bezug zur Construal-Level-Theorie. Der Anhang ergänzt Besessenheitstrance, akinetischen Mutismus, optische Ataxie, semantische Demenz, Alien-Hand, Aphantasie, Versagen unter Druck und das Molyneux-Problem. Im Diagramm heißen die Achsen jetzt modulierende Achsen und erscheinen als sechs Regler; der Träger (Wachheit, Erregung, Homöostase) erscheint als Band unter dem Feld; der Verstand nennt die Sprache; Metakognition steht an der Spitze der Vernunft; in der Tabelle erscheint „Kreativität“ (eine Kopplung) nicht mehr als Prozess der Urteilskraft und „Kontrolle“ (eine Achse) nicht mehr als Prozess des Willens. Die Executive Order zum Begriff „Super Intelligence“ steht nur noch in der Fußnote.
Version 4.5. Version 4.5 unterscheidet Domänen (was der Geist tut) und Achsen (wie er es tut) ausdrücklich und trennt drei Ebenen der Aussage (3). Die Achse Bewusstseinsgrad heißt jetzt Bewusster Zugang; die Achse Informationsquelle erfasst die zugeschriebene Quelle (4.2). Bewusstsein wird in vier Aspekte zerlegt (4.3). Neu sind die Abschnitte zum Salienznetzwerk (4.4), zu Botenstoffen und Konnektom (4.8), zu Läsionen und Stereotypien (5.7), vier Entwicklungsdimensionen statt eines Gradienten mit Koralle, Fisch und drei Stufen verkörperter KI (6), konkurrierende Erklärungen zu jeder Vorhersage (7) und ein Abschnitt mit Einwänden und Erwiderungen (9). Abschnitt 2 ergänzt das Invarianzkriterium. Abschnitt 4.2 grenzt die Achsen als Kategorien von den Domänen als Funktionen ab; Abschnitt 4.4 trennt das Vorbewusste als Torwächter (Mechanismus) von den Werten der Achse Bewusster Zugang. Abschnitt 9.2 behandelt die Simulationshypothese in vier Schritten, darunter Chalmers’ Gedanken, dass auch simulierte Gegenstände real sind. Vorhersage 5 stützt sich auf die doppelte Dissoziation von Autismus und Psychopathie. Außersinnliche Wahrnehmung steht jetzt im Anhang, die Executive Order zum Begriff „Super Intelligence“ in einer Fußnote. Im Diagramm wurde die Motorik als eigene Stufe ergänzt; die Achsen erscheinen als Regler statt als Kästen, und ein Schleier zeigt, dass sie auf alle Domänen zugleich wirken. Der bewusste Zugang erscheint nicht mehr als Regler, sondern nur noch als Tiefe des Feldes. Neue Linsen zeigen vier Läsionen und die Koralle. Version 4.1 hatte die Kopplungen Verstand ↔ Urteilskraft und Wahrnehmung ↔ Emotionen ergänzt, Version 4.2 das harte Problem und die sechste Vorhersage, Version 4.3 die Messverfahren der Achsen, Version 4.4 die Ko-Autorschaft der beteiligten KI-Systeme.
Danksagung
Den Hinweis auf die fehlende direkte Kopplung von Verstand und Urteilskraft in einer früheren Fassung verdanken wir einer Begutachtung des Modells durch Gemini (Google). Weitere kritische Gutachten zu Version 4.5 stammen von ChatGPT, Gemini, zwei über arena.ai genutzten Modellen und zwei weiteren KI-Modellen; auf sie gehen das neu gefasste Achsen-Kriterium, der Umbau der Achse Modalität, die Aufnahme der Urheberschaft als Achse, die Unterscheidung von Operationen und Inhaltsbereichen, der sichtbare Träger und die meisten Gegensatz-Paare zurück. Gutachten zu Version 4.8 von Gemini, ChatGPT und zwei über arena.ai genutzten Modellen regten die Beispiele Langeweile und Ekel (4.9), die erneute Prüfung der Construal-Level-Theorie (10) und die Festlegung von Vorhersagen vor Fallanalysen (12) an.
Beiträge der Autoren
Sebastian Bohnen ist unabhängiger Denker ohne Anbindung an eine Universität oder Forschungseinrichtung (Abschnitt 12). Er entwickelte das Rahmenmodell, die ontologische Position des Strukturierten Realismus und die konzeptionelle Grundarchitektur, ausgehend von den kantischen Erkenntnisvermögen und erweitert durch Freud und die Neurowissenschaft. Von ihm stammt auch der Gedanke, dass real ist, was über verschiedene Erkenntnissysteme hinweg gleich bleibt; er entwickelte ihn eigenständig am Beispiel des umstürzenden Baums zur Dinosaurierzeit. Wir bezeichnen ihn im Text als Invarianzkriterium; die Übereinstimmung mit Nozicks Bestimmung der Objektivität als Invarianz wurde erst nachträglich bemerkt. Ebenfalls von ihm stammen die Antwort auf Berkeleys ungehörten Baum sowie in Abschnitt 9 das Asteroiden-Argument und die Kritik der Simulationshypothese als Immunisierung. Er leitete das Projekt, traf alle inhaltlichen Entscheidungen und trägt die Verantwortung für die veröffentlichte Fassung. ChatGPT trug zur begrifflichen Erkundung und zur kritischen Diskussion von Fallbeispielen bei und schlug für Version 4.5 unter anderem die Trennung der Ebenen, die Zerlegung des Bewusstseinsbegriffs und die Unterscheidung von tatsächlicher und zugeschriebener Quelle vor. Claude Opus 5.5 trug zur Konsistenzprüfung, zur Literaturintegration, zur Ableitung der Vorhersagen, zur Visualisierung, zur Ausformulierung und zur Übersetzung bei.
Hinweis zur KI-Beteiligung
ChatGPT und Claude Opus 5.5 sind KI-Sprachmodelle. Ihre Beiträge werden offengelegt, um die Entstehung des Modells transparent zu machen. Keines der beiden Systeme kann die wissenschaftliche Verantwortung übernehmen, die von menschlichen Autoren erwartet wird; alle Aussagen, Deutungen, Quellen und Schlussfolgerungen bedürfen menschlicher Prüfung. Die Nennung der Beitragenden ist an die Regeln eines Publikationsorts anzupassen: Viele Fachzeitschriften und Preprint-Server lassen KI-Systeme nicht als Autoren zu und erwarten stattdessen eine Offenlegung in Methoden oder Danksagung.
Interessenkonflikte
Die Autoren erklären, dass keine Interessenkonflikte bestehen.
Abbildung
Abbildung 1. Architektur der menschlichen Kognition, Version 4.9 (oben). Die interaktive Fassung zeigt bei Auswahl einer Domäne deren Verbindungen und stellt über die Linse Phänomene, Läsionen, Arten und KI-Sprachmodelle als Konfigurationen aus Domänen und Achsen dar.
Zitiervorschlag
Bohnen, S., ChatGPT, & Claude Opus 5.5 (2026). Architektur der menschlichen Kognition: Ein rekursives Domänen-Achsen-Modell auf der Grundlage eines Strukturierten Realismus (Version 4.9). Preprint, e-ducation.datapeak.net.
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